Doc Baumann: Colourverbot und Kampfverbände

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    • Doc Baumann: Colourverbot und Kampfverbände

      Colourverbot und Kampfverbände








      von Doc Baumann



      Mit den Kennzeichen verbotener Organisationen ist das so eine Sache – ich erinnere mich da zum Beispiel an den Fall einer international vertretene Gruppe von Männern, die keiner Ausein-andersetzung aus dem Weg gingen und im Laufe der Jahre nicht nur ziemlich einflußreich und wohlhabend wurden, sondern ebenso von vielen gefürchtet. Irgendwann zogen die Behörden einen Schlußstrich und verboten sie von heute auf morgen. Todesstrafen, viele Mitglieder wanderten in den Knast, einige kamen bei anderen Gruppen unter. Selbstverständlich hatte danach jeder mit gehörigem Ärger zu rechnen, der sich öffentlich ihr Abzeichen an die Klamotten pappte.
      Nun ja, die Zeit vergeht. Und heute wird das Symbol wieder offen getragen, ohne daß sich jemand um das alte Verbot schert. Nicht von irgendwem, sondern hochoffiziell: von der Bundeswehr. Denn die verwendet unbeanstandet das Kreuz der Templer, und es ist nicht damit zu rechnen, daß Benedikt XVI. ihr deswegen die Hölle heiß machen wird.
      Man kann jedoch verstehen, daß die Hells Angels ungern so lange warten möchten, bis auch das deutsche Colourverbot in Vergessenheit geraten sein wird – schließlich wurde der Templerorden 1312 aufgehoben.
      Nachdem verschiedene Gerichte festgestellt hatten, daß das ins „Anti-Terror-Gesetz“ geschmuggelte Verbot von Symbolen der Angels auf Deathhead und Schriftzug so nicht anwendbar sei und im konkreten Fall ein Member des Charters Boppard zunächst erfolgreich auf die Herausgabe seiner beschlagnahmten Kutte geklagt hatte, kam das Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz vor ein paar Tagen zu dem Ergebnis, das Abzeichen dürfe öffentlich nun doch nicht getragen werden.
      Zwar unterstelle man den Antragstellern nicht, sie teilten kriminelle Bestrebungen verbotener Charter, ihr Abzeichen sei aber „vom Standpunkt eines unbefangenen Betrachters aus“ verwechslungsfähig, da der unterscheidende Schriftzug „Boppard“ auf der Vorder- und nicht auf der Rückseite getragen würde. Nun sieht und identifiziert man Menschen ja in der Regel von vorn und nicht von hinten, auch und gerade als unbefangener Betrachter, und Namensschilder von Chefärzten bis hin zu Messehostessen pflegen an der Brust zu heften und nicht auf der Wirbelsäule. Mehr zum Urteil und seinen Folgen findet ihr auf Seite 11.
      Als die Bones vor vielen Jahren den Hells Angels beigetreten sind, ist viel Konfliktstoff aus der Szene genommen worden. Doch man stelle sich für einen Augenblick vor, das sei damals nicht geschehen und ein paar Bones hätten sich per Bankraub ordentlich Kohle beschafft und damit das Abfackeln von Angels-Clubhäusern und Tattoo-Studios finanziert. Und heute säßen sie deswegen vor Gericht und würden treuherzig erklären: Sie hätten als damalige Officers ihre Chapter zu einem „Kampfverband“ formieren müssen. Die „Kampagnenfähigkeit der Bones“ habe auf dem Spiel gestanden, rechtfertigen sie sich und schildern ihren MC als letzte aufrechte Bastion im Kampf gegen den gegnerischen Club.
      Ist natürlich pure Phantasie! Wer würde es schon wagen, vor Gericht so einen Blödsinn zu erzählen, der jedem Richter und Zuhörer sofort verdeutlicht, daß einem die Gesetze wurscht sind und man nur eigene Interessen knallhart durchsetzen will? Ja, wer? Rocker sicherlich nicht. Aber die Sätze oben sind fast wörtlich zitiert, mit dem klitzekleinen Unterschied, daß dort CDU stand statt Bones. Mit diesen Worten hat Ex-Innenminister Kanther, der für andere härteste Strafen selbst bei Bagatell-Delikten forderte, seine Schwarzgeldschiebereien verteidigt. Vielleicht sollte man seine Erklärung nicht verdammen, sondern dankbar sein, daß hier mal ein Politiker ausnahmsweise ehrlich von seinem knallharten Machtstreben und dem seiner Partei berichtet – legal, illegal, scheißegal.
      Es ist erschreckend, was in einem einzigen Monat, der zwischen zwei BIKERS NEWS-Ausgaben liegt, so alles von oben kommt:
      Im Zuge weiterer Rechtseinschränkungen plant Innenminister Schily eine Intensivierung des staatlichen Zugriffs auf Kontodaten, und die Grünen schaffen es gerade noch, das zeitlich zu befristen. Der Münchener Polizeipräsident stellt den Rechtsstaat auf den Kopf und argumentiert, man müsse die Würde potentieller Opfer schützen und daher in Kauf nehmen, die Würde von Verdächtigen und sogar völlig Unbeteiligten durch Wohnungs-überwachungen und Abhörmaßnahmen zu verletzten, und zwar bitte mittels eines eigenen Polizeirechts und losgelöst von richterlicher Überwachung. Die Behörden verbeißen sich zunehmend in die Überzeugung, das Volk bestünde aus solchen Verbrechern, die bereits überführt sind, und anderen, denen man ihre Taten noch nachweisen muß.
      Ähnlich überzeugend ist CDU-Chefin Merkel, die tönt, man müsse wieder die Werte in den Vordergrund stellen. Welche? Die von Kohl und Kanther mit ihren Schwarzspenden? Die des Ex-Parteigeneralsekretärs, der Kürzungen bei Sozial- und Arbeitslosenhilfe forderte und sich selbst den Strom umsonst liefern ließ? Die der Schwesterpartei CSU, wo sich nun auch der letzte Strauß-Nachwuchs zurückziehen mußte, diesmal wegen Wahlfälschung? Schön auch Merkels Einsicht, die SPD wolle mit ihrer neuen Kapitalismuskritik von fünf Millionen Arbeitslosen ablenken. Das ist so logisch wie der Satz: „Was, mein Kind soll Masern haben? Damit wollen Sie nur von seinen 40 Grad Fieber ablenken.“
      Oder ein Blick zu unseren amerikanischen Freunden, bei denen jeden Tag durchsichtiger wird, warum sie in ihrem Einsatz für die Demokratie seinerzeit so gegen eine Auslieferung von US-Bürgern an den internationalen Gerichtshof gekämpft haben: Die Verantwortlichen im Folterskandal von Abu Ghraib: freigesprochen. Die Todesschützen, die in Bagdad einen italienischen Beamten erschossen und die befreite Journalistin verletzten: Freigesprochen. Wie war das noch mit den Werten?



      Quelle:
      bikersnews.de/senf.html